Navigation

Modulare Video-Synthesizer-Software

(Dieser Artikel beinhaltet einen älteren Text, den ich vor etwa zehn Jahren für meine damalige Webseite geschrieben habe. Einige Formulierungen habe ich umgeändert und die meisten Links mussten entfernt werden, da sie inzwischen nicht mehr funktionieren. Die hier vorgestellte Software ist bereits stark weiterentwickelt; die Basics sind allerdings immer noch die selben. Im Anschluss ergänze ich das ganze mit zwei aktuellen Programmen, die zeigen, dass das Thema noch nicht zum alten Eisen gehört, sowie mit einem Hinweis auf aktuelle Hardware.)

Ein interessantes Arbeitsmittel für das Erstellen analoger "Old-School"-Video-Synthesizer-Effekte ist die Software "Isadora"© der Firma TroikaTronix©. Isadora© ist ein modular aufgebauter Videosynthesizer auf Softwarebasis und stellt eine sehr umfangreiche Möglichkeit dar, mit Videoeffekten zu arbeiten, wie sie häufig zu Zeiten der analogen Videobearbeitung der 1960er bis 1980er Jahre zu sehen waren, z.B. Farbverschiebungen, Video-Delays, Luma- und Chroma-Keying, modulierbare geometrische Formen etc.

Behauptung: "Wer auf Old-School-Videoeffekte steht, kommt an einer modularen Videosynthesizer-Software nicht vorbei." (Begründung folgt.)

Was kann so eine modulare Videosynthesizer-Software - und als Vertreter gilt hier Isadora© - , was andere Software beispielsweise für den VJ-Bereich nicht kann? Jede VJ-Software ist anders aufgebaut und verfolgt eine individuelle Herangehensweise an die Bedienung und den Workflow. Allerdings teilen sie die meisten Vertreter diese Softwaregattung ein Bedienpanel, das in erster Linie auf das Anwenden von vorgefertigten Effekten auf ein eingehendes Videosignal oder das Abspielen implementierter 3D-Effektpresets aufbaut.

Isadora© verfolgt dagegen den Weg des modularen Aufbaus eines zu erzielenden Videoeffekts. Das Programm startet mit einer leeren Programmoberfläche, in das die gewünschten Module hineingezogen und mit virtuellen Kabeln (für Video- und Steuersignale) beliebig verbunden werden können. So begrüßt Isadora© einen nach Start der Software:

leere Arbeitsfläche nach Start der Software

Es folgt ein Beispiel für drei Module und einen einfachen Effekt. Das Modul "Video In Wacher" stellt die Verbindung zu einer externen Kamera (oder auch einer eingebauten Webcam) her:

Modul Video In Watcher

Mit dem "Projector" wird das bearbeitete Videosignal nach außen geleitet, z.B. an einen Beamer oder einen externen Recorder:

Modul Projector

Der "Colorizer" - der Name sagt es bereits - verändert die Farben des Videosignals; hier lassen sich die RGB-Farbanteile entweder manuell oder durch einen LFO mischen:

Modul Colorizer

Verbindet man die drei Module, erhält man bereits einen einfachen Färber für das Videosignal. Ein Blick der Webcam wird somit ins Magenta gezogen:

der entstehende Effekt mit den drei Modulen

Die Anzahl der Module ist sehr groß (über 100 Stück) und deckt die Bereiche Video- und Audiomanipulation, automatisierte Steuerung (z.B. LFOs), mathematische Logikberechnungen und MIDI ab. Es lassen sich eigene Modulgruppen als Makro speichern, um komplex verschaltete Module einfach mehrfach zu verwenden. Das Programm kann sowohl Videosignale beliebiger Quellen (z.B. Kameras über Firewire und USB, externe oder interne Grabber-Karten) als auch Videoclips beliebiger Formate (*.avi, *.mpg, *.mov etc.) verarbeiten. Die Ausgabe erfolgt als Videostream über den Videoausgang zum Beamer oder über Firewire zu einer externen DV-Karte.

Und nun zur Begründung der Behauptung: "Wer auf Old-School-Videoeffekte steht, kommt an einer modularen Videosynthesizer-Software nicht vorbei."

Dies trifft zu, wenn man nach einer bezahlbaren und vor allem speicherbaren Lösung sucht, um Videoeffekte anzuwenden, die man in den 1960er bis 1980er Jahren im Bereich der experimentellen Videobearbeitung und der Videokunst (als namenhaftester Vertreter sei hier Nam June Paik genannt) kannte. Als interessante Vertreter dieser "Old-School"-Gerätegenerationen seien genannt:

Geradezu legendär ist das Ungetüm aus analogen Bauteilen, welches Shuya Abe unter Mitwirkung von Nam June Paik in den 1960er Jahren entwickelte und baute. Teile dieses Gerätes (nicht mehr funktionstüchtig) befinden sich heute in der Kunsthalle Bremen. Der Film "Global Groove" von Paik aus dem Jahre 1973 demonstriert eindrucksvoll die Möglichkeiten dieses frühen Videosynthesizers.

Die britische Firma EMS© - in erster Linie bekannt für ihre elektronischen Musikinstrumente - ließ von Richard Monkhouse in den 1970er Jahren einen Videosynthesizer entwickeln. Zuerst "Spectre"©, später dann "Spectron"© genannt, bot das Gerät umfangreiche Möglichkeiten zur Manipulation von Videosignalen; darüber hinaus generierte das Gerät ungewöhnlich aussehende Formen. Die Funktionen des Gerätes waren modular untereinander verschaltbar. Ein Beispiel für den Einsatz dieses Videosynthesizers dürfte der Film zum Konzert der Gruppe Tangerine Dream in der Coventry Cathedral aus dem Jahre 1975 sein.

An dieser Stelle sei noch der "Chromascope"© der britischen Firma CEL Electronics© genannt, der recht unbekannt sein dürfte. Die Farbmuster, die das Gerät erzeugte, sind sehr interessant und sehen sich denen des EMS© Spectre© ähnlich; dafür waren die Bedienungsmöglichkeiten bei weitem nicht so umfangreich.

Der Videosynthesizer CVI© ("Computer Video Instrument") der Firma Fairlight© aus den 1980er Jahren - ebenfalls ein Unternehmen, dass durch seine Musikelektronik bekannt ist - erzeugte seine Effekte durch digitale Bearbeitung des eingehenden Videosignals. Viele der Effekte zeichneten sich durch "Treppchen" im Bild aus; man sah also die digitale Datenreduktion des eigentlich analogen Videosignals.

Um Effekte und Manipulationen von Videosignalen zu ermöglichen, die denen der analogen (Paik/Abe, EMS© Spectre©) und frühen digitalen Videosynthesizer (Fairlight© CVI©) ähnlich sind, benötigt man "analoge" Verschaltungsmöglichkeiten der einzelnen Stufen der Videobearbeitung. Um z.B. ein Video-Delay zu erzielen, das kontinuierlich die Farbe verändert und nur an den Stellen zu sehen ist, an denen das originale Videosignal besonders dunkel ist, sollte man die entsprechenden Bearbeitungsschritte (Module) manuell miteinander verbinden können; ein Eingreifen in (selbst) ausgesuchte Parameter z.B. durch externe (MIDI-)Controller ist dabei sehr wünschenswert. Solche "Anfertigungen nach Maß" bietet nur eine modular aufgebaute Software, bei der alle Einstellungen und Parameter von Hand vorgenommen werden.

Ergänzende Hinweise:

Von der Firma Paracosm© gibt es eine Software, die das Handling mit analogen Video-Synthesizern emuliert: Lumen©. Die Software verfügt über virtuelle Drehknöpfe und ein virtuelles Patchfeld, in dem man nach modularer Art virtuelle Kabel stecken kann. Die Ergebnisse lassen sich über einen virtuellen Kontrollbildschirm betrachten und lassen Erinnerungen an den EMS© Spectre© aufkommen. Die Software gibt es ausschließlich für macOS©.

Ein weiterer Softwarevertreter ist Cathodemer© von Joel Kivelä. Das Programm orientiert sich stark an die analogen Vorbilder aus den 1970er Jahren und bietet umfangreiche Einstellungen für Modulationen des Videosignals als halbmodulare Lösung. Allerdings ist die Software ausschließlich über die Plattform Steam© erhältlich.

Auch auf dem Hardwaremarkt hat sich innerhalb der letzten Jahre einiges getan; durch den Boom modularer Musiksynthesizer rücken auch modulare Videosynthesizer wieder in den Vordergrund. So bietet z.B. die Firma LZX Industries© diverse Videosynthesizer-Module im Eurorackformat an.